Archiv für Samstag, 31.05.2003

Samstag, 31.05.2003

Nahkampf-Sandalen

Gestern bin ich doch früher zusammengeklappt, als gedacht: 17 Uhr (nachdem ich seit Donnerstag, 21 Uhr wach war). Dafür war ich auch entsprechend früh wieder wach: Mitternacht. Frasier gesehen, Enterprise vom Vorabend und die Schmidt-Show, die trotz des Themas »Pferdewetten in Baden-Baden« mit einigen guten Momenten aufwarten konnte. Schmidt gewann mit seinen 500-Euro-Wetteinsatz immerhin 300 Euro die er, wie er versicherte, natürlich spenden wollte:

»An eine Vereinigung "Pferde in Not", irgendsowas wird’s doch geben. Oder "Der Huf traf mich in der Mitte."«

Gegen halb vier Uhr morgens setzte ich meine gestern begonnen Hausaufgaben fort: Weiterlesen im VWL-Buch (30 Seiten), neun VWL-Fragen auf dem Hausaufgaben-Bogen 1-3, danach zwei Deutsch-Hausaufgaben (1-3 und 4-6). Ich war bis halb neun beschäftigt; zu der Zeit ging ich aus dem Haus.
In der ersten Deutsch-Hausaufgabe hieß die erste Aufgabenstellung:

»Vergleichen Sie die folgenden beiden Auszüge aus zwei Romanen des 18. Jahrhunderts. Welche Unterschiede fallen Ihnen auf in Form bzw. Erzählhaltung, Inhalt und Sprache?«

Der erste Ausschnitt stammte aus »Leben der schwedischen Gräfin G.« von C. F. Gellert (24 Zeilen), der zweite aus »Die Leiden des jungen Werther« von Goethe (14 Zeilen, 29. Juli). Die zweite Aufgabe betraf zwei Darstellungen über das Leben im Exil von Feuchtwanger und Graf. In der Hausaufgabe 4-6 konnte man eine von zwei Aufgaben wählen: Textanalyse oder Erörterung. Ich wählte die Textanalyse, da ich in Erörterung fitter bin als in Textanalyse und von letzterer gerne mal eine korrigierte Hausaufgabe hätte, falls dies das einzige Thema der Feststellungsprüfung Ende Juni sein wird. Kaum hatte ich mich entschieden, habe ich es auch schon bereut, denn der Text »Vorurteil« von Thomas Bernhard von 1978 startete mit einem halbseitigen Schachtelsatz. Ich habe ja ein Faible für etwas kompliziertere Satzkonstruktionen, aber das war keine Hypotaxe mehr, das war pervers:

»Nahe Großgmain, wohin wir an den Wochenenden sehr oft mit unseren Eltern in einem sogenannten Landauer, welcher noch aus dem vorigen Jahrhundert stammte und der in einer für den Bau von Landauern berühmten Werkstätte in Elixhausen hergestellt worden war, unterwegs waren, hatten wir aufeinmal mitten im Wald einen ungefähr vierzig- bis fünfundvierzigjährigen Mann gesehen, der uns, die wir ziemlich schnell bergab gefahren waren, um noch rechtzeitig zu unserem schwerkranken Onkel, der in jener Jagdhütte zuhause gewesen war, die unser Großvater Anfang des Jahrhunderts einem Fürsten Liechtenstein abgekauft und für seine, wie er sich immer ausgedrückt hatte, philosophischen Zwecke ausgebaut hatte, aufzuhalten versucht, indem er sich vor uns mitten auf die Straße gestellt und die Kühnheit gehabt hatte, selbst den Pferden in das Geschirr zu greifen, um unseren Landauer zum Halten zu zwingen, was ihm natürlich nicht gelungen war.«

Die Aufgabenstellung dazu: Zusammenfassung des Inhalts (der Text bestand nicht nur aus dem einen Satz über 12 Zeilen, sondern insgesamt aus 27 Zeilen), analysieren der Erzählhaltung und der sprachlichen Mittel und Beantwortung der Frage, welche Wirkung der Autor damit erzielt, sowie: Beantwortung der Frage wie nach Bernhards Text also Vorurteile entstehen. Mein heute gefasstes Vorurteil lautet, keine Texte mehr von Thomas Bernhard zu lesen. Übertroffen wird seine Schilderung über Unfälle auf Wegen zu von Fürsten gekauften Jagdhäusern eigentlich nur noch durch das hier, mal vor Jahren im Web aufgeschnappt:

»In der Kürze, wie der Volksmund, quasi das Sprachrohr eines natürlichen allgemeinen Empfindens, so schön und so überaus treffend und dabei doch so durchaus geistvoll pointiert und mit dem erdverbundenen Witz des einfachen Mannes, welcher sich, trotz manchen Ungemachs und vieler Mühsal, unabänderlichen Mitbringseln der wildbewegten Zeitläufe, beinahe unverändert über die Jahrtausende, in denen doch so mancher Sturm die Wipfel der Bäume erschüttern ließ, bis in die Gegenwart erhalten hat, noch heute sagt, obwohl leider zu beobachten ist, daß die alten Spruchweisheiten mehr und mehr in dieser, unserer ach so hektischen und ruhelosen Zeit in Vergessenheit geraten, wenn man nur beispielsweise an jene Redensart, auch sie eine jener unumstößlichen Erkenntnisse, sprudelnd aus dem Born der Weisheit, für die Ewigkeit in Worte gekleidet, denkt, dass Reden, und damit ist wohl alles und jegliches Reden auf diesem Erdrund gemeint, Silber, ein, wie wir wissen, teures Edelmetall, jedoch das kostbarste der Güter nicht, sei, Schweigen, und auch dies ist durchaus global und allumfassend zu verstehen, jedoch, und besser könnte man es natürlich nicht sagen, Gold, dann gilt es doch mit einiger Besorgnis festzustellen, dass dieses geflügelte Wort, ähnlich wie so viele andere auch, mehr und mehr aus dem Bewusstsein breiter Bevölkerungskreise höchst bedauerlich in zunehmendem Maße verschwindet, liegt, und nun folgt in einem einzigen Wort, die Prägnanz des Sinnspruchs gewissermaßen schon im Detail in sich fassend, jene genialische Verknappung der Begrifflichkeit, um die sich unsere Dichter und Poeten gar zu oft vergeblich bemühen und die so selbstverständlich, bei aller Schlüssigkeit in sich, nicht ist, wenn man sich vor Augen hält, wie solches doch auch anders und ungleich komplizierter und damit um so unverständlicher und weniger, ja gar nicht nachvollziehbar auszudrücken durchaus möglich und vollstellbar wäre, die Würze

Weiter im Text. Schon als ich heute morgen zur Tür rausging, tränten mir wegen meines Heuschnupfens die Augen. Habe es jetzt immer noch, grässlich. Meine Erkältung, die ich mir letzten Freitag eingefangen habe, ist übrigens auskuriert: abgesehen von einem immer noch vorhandenem Schnupfen war die Sache am Montag/Dienstag bereits wieder gegessen. Bus um 08:57 Uhr, Frühstück (Lahmacun, ich kenn’ da nix) beim Dönermann am Rathaus, dann gemütlich zur Schule geschlendert und dort noch ein paar ausgedruckte Webseiten gelesen.

Heute im Kollegtag: Für die Kollegen zwei (echte) Stunden Mathe-Feststellungsprüfung, dann ging es auch für mich um halb elf mit einer (Schul-)Stunde VWL weiter. Wir besprachen die Hausaufgaben und es wurden einige Fragen beantwortet. Viertelstunde reguläre Pause, dann eine Doppelstunde Deutsch, um 13 Uhr Ende.
Sowohl für VWL als auch für Deutsch kann ich mal wieder festhalten, dass es ausgesprochen lohnend ist, zu den Kollegtagen zu erscheinen (abgesehen davon, dass es eh Pflicht ist, aber man sollte auch nicht all zu oft fehlen im eigenen Interesse). Wir bekommen jedes Mal Infos, wo wir beim Stoff besondere Aufmerksamkeit in Bezug auf die Prüfung walten lassen sollen. Außerdem lernt man an den Kollegtagen Dinge, die in Sendungen und Büchern nicht besprochen werden. Lernen im Medienverbund eben: Die Sendungen sprechen das Thema an, im Begleitmaterial gibt es vertiefende Informationen und an den Kollegtagen weitere Infos. Nur durch das Anschauen der Sendungen schafft man das Telekolleg nicht.
Heute bekamen wir in Deutsch die Info, wie grundsätzlich die Abschlussprüfung aussehen wird: Es wird fünf Aufgabenstellungen zur Auswahl geben:
- 2 textgestützte Erörterungen
- 1 Interpretation einer dramatischen Szene
- 1 Interpretation eines epischen Textes (epische Kurzform)
- 1 Analyse eines journalistischen Textes
Zu letzterem gehört zum Beispiel: Formal korrekte Inhaltsangabe (lernt man am Kollegtag, nicht in den Sendungen oder aus dem Buch), Erläuterung, persönliche Stellungnahme, Untersuchung der eingesetzten stilistischen Mittel.
Im Unterricht ging es weiter mit der Bearbeitung einer Stegreifaufgabe (Inhaltsangabe, Merkmale der modernen deutschen Kurzgeschichte bis 1960, Erzählperspektive eines Texts, Redeweise). Anschließend begannen wir im Unterricht den Themenkomplex der Epik, mit den epischen Kurformen, hier die Novelle. Zum Schluss der Stunde ging es um die Begriffe bzw. Merkmale einer Novelle (Rahmenhandlung, Binnenhandlung, Dingsymbol, Wendepunkt, einsträngige Erzählweise).

Im Moment merke ich, wie zeitaufwändig das Telekolleg werden kann. Bis zum Beginn der SAE im Mai hatte ich noch relativ viel Zeit, aber im Moment kommt’s ganz dick: Jede Woche Kollegtag, da über Pfingsten drei Wochen lang nichts passiert. Hausaufgaben sind zu machen, und vorher muss ich mir natürlich den Stoff aneignen. Für die SAE wäre es ganz gut, wenn ich meine Mitschriften nochmals ins Reine schreiben würde, um besser nachschlagen zu können aber auch, um mir die Inhalte besser merken zu können. Aber meine Mitschriften sind mit drei bis fünf doppelseitig beschriebenen A4-Seiten schon recht ausführlich, so dass ich das Neuschreiben zur Not mal schieben kann. Oder ich lasse es bleiben und lese es mir bei Gelegenheit nochmal mit Verstand durch, sofern ich die Themen begriffen habe oder sie mir schon bekannt waren (ansonsten muss ich natürlich mehr tun). Nebenbei muss ich auch noch Geld verdienen: Am Freitag einen Auftrag beendet, der nächste, bis Dienstag zu erledigen, hängt schon im Nacken. Außerdem muss ich mich nächste Woche noch um einen anderen, größeren Auftrag kümmern, natürlich Telekolleg-Hausaufgaben machen und am Montag und Dienstag ist der Tag mit Zugfahren und SAE schon wieder rum. Im Zug werde ich mir aber Sachen für’s Telekolleg durchlesen (vorzugsweise VWL und Informatik, genauer: Access, damit habe ich mich bisher nur am Rande befasst) und für die zwei Stunden in München im Büro vor der SAE werde ich mir Arbeit von meinem »bis Dienstag«-Auftrag mitnehmen.
Viel zu tun.

Das Wetter, nachdem es gestern sehr schön war und 26 Grad hatte, schien heute vielversprechend zu werden. Knapp 20 Grad morgens um halb neun, ich zog T-Shirt und kurze Hose an sowie Sandalen. In Fürth zog es sich bis zum Mittag zusammen, jetzt regnet es.

Dumme Sache: Wie es scheint, habe ich meinen Füller letzten Dienstag in der SAE vergessen. Er ist jedenfalls nicht im Rucksack (nicht im üblichen Fach, nicht in anderen Fächern, nicht lose auf dem Boden) und nicht im Schlampermäppchen. Muss am Montag mal bei den Audio-Supis nachfragen, ob jemand einen Füller abgegeben hat, oder nochmal im Raum nachschauen, wobei die Möglichkeit unwahrscheinlich ist, auch wenn ein schwarzer Füller auf einer schwarzen Schreibunterlage übersehen werden kann.
Falls es nicht mehr auftaucht, sind 20 Euro für einen neuen fällig, ärgerlich. 20 Euro für den Lamy logo black Füllhalter« sind gar nicht mal so teuer: Die Standard-Lamy-Schülerfüller von früher (»s2«) kosten auch schon 16 Euro. Mit Füller zu schreiben ist vielleicht nicht modern, und vor zehn Jahren hat bei uns jeder in der Schule auf Kuli gewechselt, sobald es in den höheren Klassen erlaubt war, aber schon damals wechselte ich noch vor der Abschlussprüfung wieder auf Füller. Kugelschreiber machen das Blatt kaputt; wenn man ein Blatt doppelseitig mit Kugelschreiber beschreibt, kann man es hinterher eigentlich wegwerfen, weil es weich wie Klopapier ist, sich nach innen wellt und völlig unansehnlich ist. Zumindest geht es mir so. Mit Füller habe ich da absolut keine Probleme.

Erschienen am Samstag, 31.05.2003 @ 16:08 | Kommentare deaktiviert
Tags:

 

Berlin calling

Meine Schwester Verena ist von Mittwoch bis Sonntag auf dem Kirchentag in Berlin. Als Atheist hält sich ja mein Verständnis für solch bahnbrechende Errungenschaften wie ein gemeinsames Abendmahl beider großen Konfessionen und das Bohei darüber seitens der Kirchenleitung in engen Grenzen, aber das nur am Rande.
Verena berichtet meinem Vater und mir per SMS und Telefon über ihre Erlebnisse in Berlin. Sightseeing unter anderem: Eröffnungsgottesdienst, alle drei Cocktailbars »Zeitlos« (kann ich sehr empfehlen, habe ich letztes Jahr auch mit Verena getestet; die haben den Boden komplett mit Sand zugeschüttet und ein bisschen Strand-Atmosphäre geschaffen), Berliner Dom (Kuppel und Gruft), Reichstag. Im letzten Jahr war sie nicht mit im Reichstag, nur mein Vater und ich. Wir mussten knapp eine Stunde warten, Verena war heute mit anderthalb Stunden Wartezeit gestraft und hatte oben auf dem Dach dann auch noch Regen.

 
 
—–BEGIN PGP MESSAGE—–
Version: PGP 8.0.2 – not licensed for commercial use: www.pgp.com

qANQR1DBwU4DQfjqYQLHXtMQB/4+4R24ckplAOOpJZrRQJEcheDPUEAAE5dQlV0/
sJyHwoVuBwQrJIhfzUi9EpGVtYsvS6fS6Osc88HEo5t6deHjLyP7yT5Sw0EFTrYH
wGGQfvw+sHmKB3H20wwPbwpmgP1mkKCTW0TV0ivPEv9/E7t07k/TnydWj4+UJR/d
Wpm6bdhca5PhiLWNQD9YgXTAnUPF799C9r8qpEUfBoBY1DqWMHqovVkbBHLflJD7
hgfNQMK7wG8svZ8auWORVP8JkAUqB+TO4oh6J5Q529FoL3E+briZ48Lwgr34MnxH
owkeV5sr0jvJJJl8CBI9fgrg1Eg1375Q6j6Q8pSvL26GN/fBB/wLxFEfl/gnajkJ
a9vI4ieuWv9vz7xq1WiziKTZdc878geglUFsEchuzL5NHJy9xOezyB5yE9RH/RUV
YP3aU6LtFDdUfm0NmQWN0eIEUwV7Wng0ED5zmZIAH9GlmfAvgq2cH0/OcB/7dUYb
FKGS7PHH1shWcDcpdHn3/H9bSxS7Se51DlvNqyloEV4mYYVx71IcTYU1jnTKz5D0
KUGg4fYKS4/wlYI3WIQbRyuoFnDXHFI1Jh5LdNijuG7zqb9JDOpOrLo9EYfONweo
5ekQ/3jtgcrx2401Arow6qmogVVFPgREbZZKx6RiZasMAG0Jm2M2nNvfUu4NBrea
RYddB5N6ycFk1NQol/0t3bGS44c5BGQX24N0SA7I4UgkTMO9dVq30r7pk0pg3vtu
9gtKSKfyf76rCix1drA+kL9YRFLLIMgwhjJ5YIqACELuXukYGBffDHAMs98iPEJ+
TNuIxaD4EWOHDgjehB528FA7j1VEIdV5BKvkQvjLT0c+c5m8Kk8cWp3VSzl0ms4B
arrGgbC4AysHQn6ypKGPwkXM+ylCMGTN2w6BATnMEXIaUPGvprr8v/gZmRqborlP
6vv3VZgJ5Loxqa7v5g9HDWKB7k3sT9df1BxLnWKv4PwggqreMGxtsQUTA2mHUgWO
lM//+FV96jGP8xtoJYqQcrn896yEBmkh+GsfhA60MgS29/m0fEjozdQu8tc7pnM8
bFqdzjpLPD37zjI2gKPxCGVxgdU16TpGlxXBB8yJwXEr6NQwzO5yWN1WOrgAdvP9
WiexwKI+HEZfkl71DXHxF/mC1Xh/qnxlmlOM18xfTOtPpR+oKqgJqMsX8eNY0ob3
Xs054uKePqTqSSTN49TatPLD2EwqzL8/DUf3QCDKH0h4U10EpvZf4HEMa63jUT3P
5mh1Nq3T40NOTe5uMjvv8o4dM8bV5g60zKwHvkKWSAKkcD4TmN3BgYZ2qnrVFRR2
0yamsiNVptp7d9SegSw8r46SyrPoB2QVH3K23iaMNf3WtY3nTLlLjBaTUegJYpeG
wPIg4qxB5sBVIJWHvZT3G2sHReMCyfc41Cfyxoo=
=LX2K
—–END PGP MESSAGE—–

Erschienen am Samstag, 31.05.2003 @ 16:35 | Kommentare deaktiviert
Tags:

 

+++

Archiv
RSS-Feeds: Einträge und Kommentare (zu allen Einträgen).