Deutschland, Dein Nahverkehr

Nur weil ich die letzten drei Wochen nichts über die Münchner S-Bahn geschrieben hätte, heißt das nicht, dass alles im grünen Bereich wäre. Im Gegenteil: Jede Woche regiert das Chaos und es lohnt fast schon, über die seltenen Ausnahmen zu berichten, in denen alles glatt läuft.
Heute erforschte ich neue Tiefpunkte.

Die Story beginnt allerdings nicht in München, sondern in Erlangen, Haltestelle »Tulpenweg«, Hüttendorf. Jeden Montag und Dienstag fahre ich um 06:05 Uhr mit dem Bus der VGN nach Erlangen, von dort um 06:47 mit dem RegionalExpress nach Nürnberg und um 07:27 mit dem ICE weiter nach München.
Am heutigen Montag stand ich um 06:03 an der Haltestelle, zusammen mit einem anderen Frühaufsteher, der schon einige Minuten eher eingetroffen war. Es steht kein Bus da, wie sonst an jedem Morgen. Auch um 06:05 kam kein Bus. Nicht um 06:10 und nicht um 06:15 Uhr.
Der Mitbürger bot um 06:20 an, mich mit dem Auto reinzufahren, das glücklicherweise verfügbar war (im Winter fährt seine Frau damit die Kinder in den Kindergarten, deswegen fährt er mit dem Bus). So erreichte ich meinen Zug noch.

[Nachtrag vom Dienstag: Der Busfahrerin von heute war der Fall bekannt, wusste aber auch nichts näheres, da sie in dieser Woche am Dienstag ihren ersten Arbeitstag hatte. Ihr zufolge sei auch der Bus um 06:30 ausgefallen und auf der Strecke haben die Leute eine Stunde bei minus 6 Grad gewartet.]

Pünktliche Ankunft des ICE in München-Pasing. Durchsage: Die Weiterfahrt verzögert sich um etwa zehn Minuten wegen eines Stellwerkproblems zwischen Pasing und Hauptbahnhof. Ich denke mir: »Zehn Minuten? Erzähl’ das Deiner Oma«, und steige in Pasing aus, während der Zug noch im Bahnhof steht.
Umsteigen in die S-Bahn. Als ich einige Minuten später im Hbf-Tiefgeschoss ankomme und aussteige, brabbelt eine einsteigende, ältere Frau etwas von »16 Minuten später« und mir schwant Böses. Ich sollte Recht behalten: Zehn Minuten später, gegen 09:30, erfolgt eine Durchsage, dass die S7 Richtung Perlach heute erst in Giesing beginnt und man mit der S2 bis Giesing fahren möge (normalerweise fahren S7 um 09:14 und 09:34 im Hbf-Tiefgeschoss ab). Schönen Dank auch, dass ich das jetzt erst erfahre. Hätte ich das schon vor zehn Minuten gewusst, wäre ich nämlich mit der U-Bahn bis Giesing gefahren.

Ankunft um 09:45 am Ostbahnhof, nachdem es im Tunnel der »Stammstrecke« nur zögerlich voran ging, da sich die S-Bahnen stauten. Eine Durchsage informiert immerhin alle paar Minuten über die Situation: S7 stadtauswärts erst ab Giesing, bis Giesing die S2 nehmen. Die S2 wird für 09:59 angekündigt, kommt allerdings ihrerseits nicht aus dem Tunnel raus, da sich am Gleis gegenüber zwei S5 stauen.
Um 10:05 dann die Abfahrt der S2 vom Ostbahnhof; Giesing ist die zweite Station nach München-Ost (Perlach wäre dann die nächste). Runter ins Untergeschoss, Treppe wieder hoch auf’s andere Gleis. Dort stand die S7 bereits. Und stand. Und stand. Die S7 wartete original 15 Minuten, ehe sie um 10:30 abfuhr (wir erinnern uns: Eine Stunde zuvor war ich am fünf Kilometer entfernten Hauptbahnhof angekommen; eine Zeit, in der ein ICE die Strecke Nürnberg-Augsburg zurücklegt). Ende vom Lied: Ankunft in der SAE 45 Minuten nach Unterrichtsbeginn gegen 10:45 Uhr.

Halt, halt, geht ja noch weiter. Alex war zeitig mit dem Unterricht fertig und ich stand mit Dirk um 13:05 Uhr am Gleis in Perlach, um in die Stadt zurück zu fahren. Durchsage: Die S7 um 13:05 fällt aus, nächste S-Bahn in zwanzig Minuten. Normalerweise – »normalerweise« – haben nur frühmorgens die S-Bahnen zwischen 9 und 10 extreme Verspätungen: Die S7 kommt sowieso meistens 5 bis 10 Minuten später, und wenn alle anderen S-Bahnen auch Verspätung haben, dann kommt’s für die S7 richtig dick. Aber bisher war auf die Nachmittags-S-Bahnen Verlass, insofern ist das schon eine neue Qualität.

[Nachtrag vom Dienstag: Heute Morgen wurde am Display neben dem dem Abgang zum Hbf-Tiefgeschoss angezeigt: »S7 Aying um 09:32«. Nach Aying, das ist die, die eigentlich um 09:14 fahren soll. Wenigstens heute kam ich »pünktlich« um zehn Uhr zu Unterrichtsbeginn an, mit einer um zwanzig Minuten verspäteten S-Bahn.]

Die SAE zieht im kommenden Sommer in ein größeres Haus, allerdings nur ein paar Straßen weiter; die S-Bahn-Station bleibt nach wie vor Perlach. Ich weiß nicht, was an Perlach so attraktiv ist, denn die Lage ist beschissen. Vielleicht niedrigere Steuersätze oder niedrigere Mieten, ich weiß es nicht. Für Leute, die in München auf eine speziellen Außenast der S7 angewiesen sind und nur alle 40 Minuten fahren können, oder für Leute, die dann auch noch so ungünstig wohnen, dass sie zwei S-Bahn-Linien benutzen müssen, ist das nervenaufreibend. Davon, was es für mich als Fernpendler bedeutet, auf absolut präzise Abläufe angewiesen zu sein, will ich gar nicht erst anfangen.
Das ist nicht die Schuld der SAE, bitte nicht falsch verstehen, ich weiß nur nicht, was an Perlach so toll ist, und ob ein »geo-strategisch« günstigerer Standort nicht besser gewesen wäre. Es ist die Schuld der S-Bahn München, denn ohne dieses Desaster jeden Morgen gäbe es keine Probleme.
Empfehlung für Interessenten: Überlegt Euch, ob es nicht Sinn macht, nach München umzuziehen, und zwar in die Nähe einer S-Bahn-Station auf der Stammstrecke. Sauteuer, aber schont die Nerven.

In München fahren alle S-Bahn-Linien in der Innenstadt zwischen Ostbahnhof und Hauptbahnhof durch den selben Tunnel (»Stammstrecke«). Das ist super, wenn es funktioniert, denn dann kommt alle drei Minuten eine S-Bahn. Wenn etwas schief geht, sorgt das erst richtig für den totalen Kollaps. In Berlin ist man da IMHO etwas geschickter vorgegangen: Es gibt ein Rudel unabhängiger U-Bahn-Linien: Wenn eine Linie mal ausfällt, zieht das nicht gleich alle anderen in Mitleidenschaft.
In München ist man dabei, diese Misstände zu beheben: Bis zum Frühjahr wird ein neues, elektronisches Signal-/Leitsystem gebaut, das ab Dezember 2004 auf drei S-Bahn-Linien einen 10-Minuten-Takt statt eines 20-Minuten-Takts ermöglicht, und dann 30 statt 24 Züge stündlich durch den Tunnel fahren lässt. Gegen Ende dieser Dekade soll außerdem ein zweiter Tunnel gebaut werden (dabei ist mir allerdings nicht klar, wie die bestehenden Stationen angebunden werden sollen).

Was absolut gaga ist: Warum, WARUM gibt es diese Verspätungen? Es ist verdammt nochmal nichts besonderes los! Die Bauarbeiten sind während der Weihnachtszeit eingestellt, es liegt kein Schnee, es ist nicht außergewöhnlich kalt, es liegt kein Laub auf den Schienen und die Scheiß-Sonne knallt von einem wolkenlosen Himmel auf knochentrockene Schienen runter!
Das einzige was anders ist, ist, dass am Ostbahnhof manche S-Bahnen nicht mehr an Gleis 3 sondern an Gleis 5 einführen müssen. Sonst nix!
Was passiert dann erst, wenn Schnee und Eis liegen? Wird der S-Bahn-Verkehr dann eingestellt?

Eigentlich benötigt man kein Auto, wenn man in einer Großstadt wohnt. Aber in München muss man bescheuert sein, kein Auto zu haben.

 
Erschienen am Montag, 08.12.2003 @ 22:45
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