Dienstag, 07.06.2005
»They set fire to our bunny person.«
Die Hölle ist zugefroren: Apple steigt vom PowerPC auf die Intel-Plattform um. Wie John Gruber am 3. Juni schrieb:»Assuming this is true, it’s HOLY SHIT news.«
John Gruber ist mit seinem Weblog »Daring Fireball« nicht irgendwer in der Mac-Szene wie meinereiner, sondern eine Kapazität. Seine Artikel zu Computern allgemein und zum Mac im Speziellen zeichnen sich stets durch Objektivität und bestechende Logik aus.
In den Tagen vor der Keynote hat er schlüssig erklärt, weswegen ein solcher Schritt unwahrscheinlich ist (27. Mai, 5. Juni und nochmal 5. Juni). Seine Vermutung war, dass Intel statt IBM PowerPC-Prozessoren herstellen würde, aber keinesfalls würde Apple auf die x86-Plattform wechseln. In einem zweiten Szenario rechnete er damit, dass womöglich Intel-CPUs in einem neuen Gerät eingesetzt werden, das kein Mac-Computer ist.
So gesehen war die Ankündigung von Steve Jobs schon sehr überraschend, auch wenn die Stimmung in etwa so aussah: »Es könnte sein… aber nein, die werden doch nicht…«
Zusammenfassung
Ich habe vorhin die Keynote gesehen. Steve erläuterte, dass man bereits zwei große Umstellungen hinter sich habe:
- 1994 bis 1996: Wechsel der Prozessor-Architektur vom 68.000er zum PowerPC
- 2001 bis 2003: Wechsel der Betriebssystem-Architektur von OS 9 zu OS X
Zu OS X sagte er:
»OS X is the most advanced operating system on the planet and it has set Apple up for the next twenty years.«
Steve Jobs bestätigte das Marklar-Gerücht, wonach OS X seit jeher in Apples Laboren auch auf x86 läuft, »just in case.«
Gründe für den Wechsel: Als der G5 vor genau zwei Jahren vorgestellt wurde, versprach Steve Jobs einen 3-GHz-Rechner innerhalb eines Jahres. Heute ist man bei lediglich 2,7 GHz angekommen, und ein G5 im Powerbook liegt in weiter Ferne. So gesehen kam Apple nach dem jahrelangen Siechtum mit PowerPC-Prozessoren von Motorola vom Regen in die Traufe.
Der G5 ist zu groß und die Kühlung ist zu aufwändig. Als wichtigsten Grund gab er jedoch, wenn man so will, das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis an: Angeblich bringt der G5 in naher Zukunft nur 15 Leistungs-”Einheiten” pro Watt, bei Intel wären es 70.
In einem Jahr sollen erste Macs mit Intel-CPU rauskommen, in zwei Jahren ist der Wechsel für die gesamte Produktpalette abgeschlossen. Entwickler sollen heute damit beginnen, ihre Programme auch für Intel zu kompilieren, so dass ein Programm sowohl auf PowerPC als auch auf Intel läuft (»Universal Binary«). Den Wechsel möchte Apple so leicht wie möglich machen: In Xcode soll ein zusätzlich gesetztes Häkchen vor dem Kompilieren in der Regel genügen, um eine Universal Binary zu erzeugen, die in beiden Welten läuft.
Auf neuen Intel-Maschinen werden dank »Rosetta« auch alte PowerPC-Programme laufen, ähnlich der Classic-Umgebung (nur dass keine Emulationsumgebung gestartet werden muss). Steve demonstrierte dies anhand von Word, Excel, Quicken und Photoshop, die auf einem Pentium 4 mit OS X liefen.
Bewertung
Was soll man von diesem Wechsel halten?
Ersteinmal ist es in der Tat »HOLY SHIT news«. Bei aller Begeisterung für die Prophezeihungen Seiner Steveheit wollen wir mal nicht vergessen, dass Apple über ein Jahrzehnt gegen Intel gestänkert hat: Noch vor wenigen Jahren wurde der Power Mac mit SuperDrive von Steve Jobs mit diesen Worten eingeführt:
»The power to burn. Burn CDs, burn DVDs, burn Pentiums.«
Dann natürlich der Bunny-People-Spot, den der Intel-CEO für die gestrige Keynote nochmal ausgegraben hat, oder diese preisgekrönte Anzeige (danke an cupertino.de; anklicken für große Version):
Für das Marketing von Apple eine interessante Herausforderung zu erklären, weswegen man gestern noch den G5 gegenüber dem Pentium 4 als überlegen darstellte. ;-)
Bezüglich der Performance künftiger Macs stellen sich drei interessante Fragen, wenn Windows und OS X künftig auf der gleichen Hardware laufen:
- Wie schlägt sich der Mac gegenüber einem PC?
- Wie viel Performance wird es kosten, mit Rosetta alte PowerPC-Anwendungen auszuführen?
- Wie steht ein x86-Mac gegenüber einem PowerPC-Mac da?
Gerade die erste Frage dürfte recht spannend werden. Bislang hat man Äpfel mit Birnen vergleichen, denn obwohl von der Grafikkarte über die Festplatte und das RAM in einem Mac und PC alles identisch sein konnte, der Prozessor und die zugrundeliegende Board-Architektur war zu verschieden für einen seriösen Vergleich.
Ich denke, dass sich der Intel-Mac recht gut schlagen wird, da OS X das bei weitem fortschrittlichere Betriebssystem ist, indem es beispielsweise mit Quartz sehr viele Rechenschritte für die Grafikdarstellung auf die Grafikkarte auslagert. Microsoft wird versuchen, Ende 2006 mit Longhorn nachzuziehen, doch im gleichen Zeitraum wird das gestern angekündigte OS X 10.5 »Leopard« erscheinen.
Von reinen Leistungsvergleichen abgesehen gibt es natürlich wichtigere Gründe, einen Mac einzusetzen. Ohne aus diesem Artikel einen Roman machen zu wollen: Es ist die einfachere Bedienbarkeit und das damit verbundene angenehmere Arbeiten.
Es wird sicher nicht lange dauern, bis die Frage aufkommt, ob man Mac OS X auch auf einem Aldi-PC wird installieren können. Leute, das wird niemals passieren. Gut, bis gestern hielt ich es auch nicht für möglich, dass Apple sich von IBMs G5 abwendet, aber zwei gewichtige Gründe sprechen dagegen.
Erstens ist ein Mac für einen Betriebssystemhersteller ein recht überschaubares System.
Es gibt zwar viele mögliche Konfigurationen und es werden (fast) die gleichen Komponenten wie bei einem PC eingesetzt. Aber es gibt nicht unendlich viele Konfigurationen. Microsoft muss sich damit herumschlagen, Windows auf allen nur erdenklichen PCs zum Laufen zu kriegen, weswegen Windows gezwungenermaßen oft nur den kleinsten Nenner an technologischem Fortschritt bringt (abgesehen davon, dass Microsoft keinen Stil hat). Apple legt selbst fest, welche Hardware sie in ihren Rechnern verbauen, und können darauf bei der Entwicklung des Betriebssystems Rücksicht nehmen. Diesen Vorteil wird Apple nicht aufgeben, denn es würde entweder a) die Entwicklung enorm komplizieren, wenn Apple auf eine Soundblaster-Karte von anno dazumal Rücksicht nehmen müsste oder b) es gäbe lange Kompatibilitätslisten, auf welcher Hardware das System läuft, und das würde Apple – deren oberstes Ziel die Einfachheit der eigenen Produkte ist – seinen Kunden nicht antun.
Zweitens subventioniert Apple – mutmaßlich – mit den Erlösen aus dem Hardware-Geschäft seine Entwicklungsabteilung.
Es ist kein Geheimnis, dass Apples Marge bei den Hardware-Produkten knapp unter 30% liegt. Und man kann sich auch vorstellen, dass man mit den Verkäufen von OS X nicht dessen Entwicklung finanzieren kann. Wie gesagt, mutmaßlich, aber wenn ich davon ausgehe, dass dem so ist, dann wird Apple kaum diesen Vorteil aus der Hand geben.
Zwei letzte Bemerkungen: Dass Apple sich in die Karten gucken lässt, ist sehr ungewöhnlich. Natürlich müssen sie die Entwickler auf der Entwickerkonferenz einweihen, denn die schreiben die Software, aber daran kann man auch ablesen, wie wichtig dieses Projekt für Apple ist.
Der andere Punkt betrifft Intel. Intel wurde in der Vergangenheit zurecht dafür gescholten, dass sie mit »unlauteren« Tricks (überlange Pipelines) die Taktung ihrer Prozessoren hochschraubten, um den Kistenschieber-Kunden mehr Megahertz in den Verkaufsprospekt schreiben zu können. Vereinfacht gesagt rannten die Pentium-Chips beim Eierlaufen doppelt so schnell, verloren aber unterwegs laufend Eier und mussten immer wieder von vorne anfangen. Das hat sich in letzter Zeit geändert: Mit dem Pentium M wurden die Pipelines wieder kürzer und die Taktraten sanken im Vergleich zu den Desktop-Pentiums. Mal sehen, was die Zukunft in diesem Bereich bringt. Das A20-Gate dagegen wird uns denke ich für die Ewigkeit erhalten bleiben.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Mit der Unterstützung für die Entwickler (Xcode, Universal Binaries) und der Abwärtskompatibilität durch Rosetta kann die Umstellung denke ich gelingen. Microsoft und Adobe wollen die neue Architektur verwenden, wie man auf der Keynote sehen konnte (<ironie>bei dem Tempo, das Quark bislang mit der Umstellung auf OS X vorgelegt hat, dürfte es aber deren Todesstoß sein</ironie>). Ich habe die Umstellung vom 68.000er zum PowerPC nicht miterlebt, aber ich bin zuversichtlich.
So, jetzt sauge ich erstmal auf, was die Ticker, Weblogs und Szeneseiten zu diesem Thema schreiben.
[Dieser Artikel erschien am 7. Juni 2005 auch auf Mac-TV.]
Erschienen am Dienstag, 07.06.2005 @ 2:41
| Kommentare deaktiviert
Tags: Apple, keynotes

