»To see tomorrow’s PC, look at today’s Macintosh« (BYTE Magazine, 10/1995)

Nach über fünf Jahren Entwicklungszeit ist seit 30. Januar Windows Vista für Privatkunden erhältlich (Heise, Macrumors). Begleitet wird die Produkteinführung von einer riesigen Werbekampagne: »Wow« ist Vista allerdings nur für diejenigen, die noch nie Mac OS X gesehen haben.

Vista bringt Features mit, die auf dem Mac teilweise schon seit 5 Jahren verfügbar sind, und auf die selbst Microsoft-Manager neidisch schielen (Hawk Wings, Daring Fireball). Entsprechend verhalten ist das Echo auf den Produktstart.
Dazu kommt, dass Vista ein ziemliches Performance-Schwein ist: Ohne einen High-End-Rechner hat man von der schönen neuen Vista-Welt nicht all zu viel. Im Gegensatz dazu wird OS X von Version zu Version schneller. Ich kann das aktuelle OS X 10.4 ohne Probleme auf meinem sechs Jahre alten iBook ausführen (gut, HD-Trailer kann ich mir nicht ansehen, da der G3-Prozessor mit seinen 500 MHz dafür zu schwach auf der Brust ist; außerdem funktionieren CoreImage-Filter nicht, die z.B. für Aperture benötigt werden, da der verbaute Grafikchip zu alt ist).

Die alten Probleme von Windows bleiben: Es ist viel zu kompliziert. Das beginnt schon beim Kauf von Vista, das es in über 20 verschiedenen Geschmacksrichtungen gibt: Home Basic, Home Premium, Business und Ultimate. Diese gibt es jeweils als Upgrade, Retailversion (Vollversion mit bunter Verpackung) und Systembuilder-Edition (Vollversion ohne bunte Verpackung). Jede DVD enthält dann noch eine 32-Bit- und eine 64-Bit-Fassung. Upgrades sind außerdem nicht problemlos möglich. Zum Vergleich Mac OS X: Client, Client-Familienlizenz sowie Server.
Hat man sich für das richtige Vista entschieden, stößt man ebenfalls auch alten Wein in neuen Schläuchen: Die Oberfläche ist nicht durchdacht (Kontrastbeispiel: Apples Adressbuch), Einstellungen verstecken sich in fünffach verschachtelten Menüstrukturen. Design ist für Microsoft und viele andere in der Branche nur eine Äußerlichkeit, die man hinterher überstülpen kann. Apple-CEO Steve Jobs dagegen diktierte 2003 der New York Times in den Block:

»Most people make the mistake of thinking design is what it looks like. People think it’s this veneer — that the designers are handed this box and told, ‘Make it look good!’ That’s not what we think design is. It’s not just what it looks like and feels like. Design is how it works.«

John C. Welch schrieb für Information Week einen Artikel mit sehr vielen Beispielen:

»For Mac OS X, it’s the classic English butler. This OS is designed to make the times you have to interact with it as quick and efficient as possible. It expects that things will work correctly, and therefore sees no reason to bother you with correct operation confirmations. If you plug in a mouse, there’s not going to be any messages to tell you “that mouse you plugged in is now working.” It’s assumed you’ll know that because you’ll be able to instantly use the mouse. Plug in a USB or FireWire hard drive and the disk showing up on your desktop is all the information you need to see that the drive has correctly mounted. It is normally only when things are not working right that you see messages from Mac OS X.

Windows is…well, Windows is very eager to tell you what’s going on. Constantly. Plug something in, and you get a message. Unplug something and you get a message. If you’re on a network that’s having problems staying up, you’ll get tons of messages telling you this. It’s rather like dealing with an overexcited Boy Scout…who has a lifetime supply of chocolate-covered espresso beans. This gets particularly bad when you factor in things like the user-level implementation of Microsoft’s new security features.

To put it simply, you can work on a Mac for hours, days even, and only minimally need to directly use the OS. With Vista? The OS demands your attention, constantly.«

Weitere Zitate aus kürzlich erschienenen Artikeln zu Vista:
Erika Jonietz für Technology Review:

»Ironically, playing around with Vista for more than a month has done what years of experience and exhortations from Mac-loving friends could not: it has converted me into a Mac fan.«

Lev Grossman schreibt für das TIME Magazine:

»It’s not worth buying a new machine for Vista, and there’s no reason to switch to it if you use a Mac, but it gets the job done. Not the stuff of which great headlines are made.«
[...]
Vista is a perfectly respectable new iteration of Windows. They’ve even, finally, come up with a decent way to make laptops sleep and wake up again, which XP was never very good at. The fact that it took Microsoft over five years and $6 billion dollars to create Vista is – and I mean this quite seriously — an embarrassment to the good name of American innovation, but it’s perfectly fine.«

Damals wie heute bewahrheitet sich ein Satz, den das BYTE-Magazin im Oktober 1995 schrieb: Wer den PC von morgen sehen möchte, sollte einen Blick auf den Mac von heute werfen.

 
Erschienen am Sonntag, 04.02.2007 @ 18:36
Tags: , , ,

+++

3 Kommentare zu “»To see tomorrow’s PC, look at today’s Macintosh« (BYTE Magazine, 10/1995)”

Du kannst der Diskussion mit diesem RSS-Feed folgen.

  1. noribori
    04.02.2007 @ 19:09 Link

    Das Problem ist nur:
    »playing around with Vista for more than a month has done what years of experience and exhortations from Mac-loving friends could not«

    Mein Frage:
    Ist irgendwo auf dieser Welt schon mal jemand zum Mac gewechselt AUFGRUND anhaltender Überredungsversuche – oder sind diese Versuche nicht eher kontraproduktiv und ein Hinderungsgrund für einen Wechsel? Wer tritt schon gern einer Sekte bei, bei der man den Eindruck hat, dass alle ständig aufgefordert sind zu frohlocken? In Wirklichkeit sind es ja immer die Konvertiten, die da besonders eifrig sind, da kenne ich mehrere Beispiele…
    Warum kann man die Windows-Nutzer nicht einfach so lassen, wie sie sind? Mir sind sie Wurscht wie sonstwas.

    noribori (Mac-User seit über 15 Jahren, noch nie im Leben Windows benutzt)

  2. Christian
    07.02.2007 @ 9:26 Link

    Wie wahr, wie wahr… Die Macs waren schon immer den PCs um Jahre voraus. Das fängt bereits mit dem ersten Mac an, der Funktionen enthielt, die später als ATX in der PC-Welt als bahnbrechend angesehen wurden. Da konnte man nur müde drüber gähnen…
    Auch wenn das PC-Besitzer gerne immer anders sehen, und man als Mac-User häufig als Jünger verschrien wird, so ist es wohl Fakt, daß Apple bisher ware Innovationen betrieben hat. Sowohl was die Technik angeht, wie auch beim System- und GUI-Design.
    Und was mir bei Apple auch immer wieder Respekt abnötigt ist die Tatsache, grundlegend mit alten Dingen zu brechen. Egal ob das damals beim Schwenk von 86k auf PPC, oder von PPC auf x86 war. Es wurde geschwenkt. Es gab eine zeitlang Binaries, die auf beiden Plattformen liefen, und die alte wurde dann schlafen geschickt.
    Auf dem PC finden wir selbst in hyperthreadenden, Dual Core-Zeiten aus “Kompatibilitätsgründen”immer noch antiquiertes Zeugs. *graus*

    Ich wollte vor kurzem meinen alten Umax Pulsar mit G3/450 via XpostFactio mit OS X versorgen, leider funktionierte das nicht: SCSI-Fehler. *grummel*

  3. Stefan F. (Admin)
    14.02.2007 @ 22:07 Link

    @ noribori: Ich habe evtl. in der Beziehung ein etwas ausgeprägteres Sendungsbewusstsein als Du. :-)
    Durch mich sind schon ein paar Leute zum Mac konvertiert. Allerdings gibt es zwei Sorten von PC-Nutzern, bei denen ich es bleiben lasse: Spieler und Bastler. Erstere, weil sie halbjährlich ihren Rechner aufrüsten, letztere, weil sie mit dem Mac wahnsinnig werden würden, der ihnen alle Entscheidungen abnimmt.

    Ich denke auch, dass es ein großes Problem für den Mac als Plattform ist, dass er für viele einfach nicht existent ist: Viele kennen nur Windows und wissen nicht, dass es da noch etwas anderes gibt. In der Werbung gibt es nur Angebote vom Kistenschieber, der Nachbar “der mal helfen kann” setzt ebenfalls einen PC ein.

    @ Christian: Stimmt, beim Abschneiden alter Zöpfe kennt Apple wenig Gnade. Wobei ich selbst nur noch wenig von der OS-9-Zeit mitbekommen habe: Mein erster Mac war das Tupperschachtel-iBook (Dual-USB, G3-500) mit OS 9.3 und OS X 10.0 — ich weiß nicht, wie der Umstieg von der 68000er Architektur auf PowerPC vonstatten ging. Im Moment macht Apple es den Nutzern mit dem Umstieg auf x86-Prozessoren mittels Universal Binaries ja recht leicht.
    Aber ich weiß noch, als 1998 der erste iMac erschien und Schluss machte mit “Legacy”-Schnittstellen wie SCSI oder RS232, und die Floppy über Bord warf. Fünf Jahre später war es dem Heise-Ticker eine Meldung wert, als Dell auf Diskettenlaufwerke verzichtete:
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/print/34319

+++

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachte auch die Hinweise zum Datenschutz.

Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern erst nach Freigabe durch einen Moderator.

+++

Archiv
RSS-Feeds: Einträge und Kommentare (zu allen Einträgen).