BarCamp München: Zusammenfassung Tag 1
Dieses Wochenende bin ich in München, Freunde besuchen: Mit Dirk war ich heute auf dem BarCamp in München. Ganz kurze Einführung: Was ist ein BarCamp? Ein BarCamp ist eine Konferenz, auf der jeder Teilnehmer eine Session halten kann – die aktive Teilnahme durch einen Vortrag, Mithilfe bei der Organisation oder Berichterstattung von der Konferenz ist Pflicht. Dafür ist der Eintritt kostenlos. Weitere Infos im entsprechenden Wikipedia-Eintrag.
Wie auch bei einer »normalen« Konferenz sind die Gespräche zwischen den Vorträge das Salz in der Suppe. Man sieht alte Bekannte wieder (Cappellmeister, Florian), sieht Leute wieder die man vor 2 Wochen auf der EuroIA in Amsterdam kennengelernt hat (Silke) und macht nette neue Bekanntschaften.
Gastgeber und Hauptsponsor der Münchner Veranstaltung ist Sun Microsystems in Kirchheim bei München – schickes Gebäude und kostenloses WLAN! Die Organisation und Berichterstattung findet live über Twitter statt. Über 400 Teilnehmer informierten sich in 5 Session-Slots in 8 parallelen Tracks über alle möglichen Themen: von Community-Management bis Zensur in China. Die Teilnehmer die eine Session halten wollten, stellten ihre Idee kurz vor, danach wurde das Interesse per Handzeichen abgefragt. Anschließend wurde der Plan aufgestellt.
Hier ein paar Eindrücke von den Sessions, die ich besucht habe:
Mindmeister – Wie bekommt man 130.000 User?
Till Vollmer von Mindmeister stellte kurz seine Anwendung vor, ein Mindmapping-Tool auf DHTML-Basis, mit dem online mehrere Teilnehmer gleichzeitig brainstormen können: »Wie Google Text und Tabellen, nur für Mindmaps.« Anschließend ging es um die Historie und welche Lehren sie aus dem Startup gezogen haben. Stichworte: 130.000 Nutzer, die im Schnitt alle 2 Monate eine Mindmap erstellen. Im Schnitt 3 Mindmaps pro Nutzer. 11.000 neue Nutzer pro Monat. Kostenlose Basis-Version (maximal 6 Mindmaps), Premium-Account für 4 USD, Bezahlung per Kreditkarte über Wirecard oder PayPal. Die Anzahl der Premium-Nutzer sei typisch für Web-2.0-Startups (unter 5%). 30% der Nutzer kommen aus den USA. Sie wollen in den Businessmarkt reinkommen, deswegen werden in Kürze verschlüsselte Mindmaps angeboten (Daten werden per Public-Key-Verfahren verschlüsselt in der Datenbank abgelegt). System läuft auf Ruby on Rails auf 4 geclusterten Servern. Team besteht aus 2 Gründern und 4 Entwicklern. Haben lange für den Namen gebraucht; Kriterium: .com-Domain musste frei sein wg. internationalem Markt. »meister« ist als Begriff im englischen Sprachraum kein Problem. Machen viele A/B-Tests: »Es macht einen Unterschied, welche Farbe der Button in der Invitationmail hat.« Zum Launch gab es eine Private Beta; Vorteil: man kann den Launch 2x vermarkten und wird am Anfang nicht vom Erfolg überrollt. Haben von Anfang an kommuniziert, dass die Beta kostenlos ist, aber dass sie später ab der 7. Mindmap Geld verlangen. 200 Invitations an Freunde und Bekannte, von denen jeder weitere 20 einladen konnte. Nach 8 Tagen war Mindmeister auf Platz 2 der delicious-Hotlist, nach 9 Tagen hatten sie 1.000 Nutzer. Zwischen März 2007 und Mai 2007 gewannen sie weitere 10.000 Nutzer. Haben bisher keinen Cent für Marketing ausgegeben. »Leute kaufen mit den Augen.« Der große Konkurrenz Mindmanager ist nicht so beweglich und sie müssen fast 200 Leute mit Lizenzverkäufern durchfüttern. Das kleine Startup kann es sich mit 6 Leuten (und etwas Seed-Kapital) leisten, großzügig mit Premium-Accounts umzugehen, um so Mundpropaganda zu generieren (jeder Teilnehmer an der Barcamp-Session erhielt einen Gutschein für 12 Monate Premium-Mitgliedschaft). Man solle in der Betaphase Invitation-Codes als »hard to get« inszenieren (man muss sich »bewerben«), aber jedem einen geben. Sie haben ab einem gewissen Zeitpunkt einen Autoresponder für die Code-Anfragen eingerichtet. »Wenn wir auf Deutsch gestartet wären, wären wir jetzt nicht hier.« Sich für Awards zu bewerben ist sinnvoll, da sie relativ leicht zu kriegen sind: Viele Techies stellen die technischen Details in den Vordergrund, die Juroren sind aber i.d.R. normale Leute, die verstehen müssen was es bringt. Die Awards haben ihnen neue Nutzerzahlen eingebracht und Anfragen von Risikokapitalgebern, die Anlegergeld loswerden wollen. Wachstum derzeit linear und nicht exponentiell. Usability ist der entscheidende Faktor: weniger ist mehr, auf technisch unversierte Nutzer abzielen, keine Featuritis. Mit Problemen offenen und ehrlich umgehen: warum gab es einen Ausfall, was wird getan um das künftig zu verhindern? Wartungsarbeiten ankündigen, regelmäßig im eigenen Blog schreiben.
Präsentieren mit Storyboards
Alexandra Graßler von der Wissensagentur erläuterte, wie man mit einer Präsentation eine gute Geschichte erzählt. Stichworte: »Bilder transportieren die Botschaft besser als Text.« 3 Akte. Akt 1, Emotion: Schauplatz, Hauptfigur, Ungleichgewicht, Gleichgewicht, Lösung. Beispiel »Produkte für eine Kläranlage«: Schauplatz ist jede Gemeinde mit einer Kläranlage, Hauptfigur ist die Zielgruppe (niederbayerische Bürgermeister), Ungleichgewicht erzeugen indem eine Katastrophe an die Wand gemalt wird (wenn die Kläranlage nicht richtig arbeitet, stinkt’s), Gleichgewicht herstellen (Kläranlage zu vernünftigen Kosten betreiben), Lösung anbieten (Kaufen Sie unser Produkt). Eine Entscheidung wird mit dem Bauch getroffen und hinterher mit dem Verstand erklärt, daher Akt 2, Vernunft: 3 Hauptargumente, Wendepunkt. Je nach Zeit können die 3 Hauptargumente in jeweils 3 Unterargumente aufgedrößelt werden (»Baumstruktur«). Der Wendepunkt ist immer eine Ja/Nein-Frage (»Ist es möglich, das mit dem Produkt xy zu erreichen?’). Zwischendrin Loops aufmachen: Frage stellen und später auflösen um Neugier zu wecken. Akt 3, Zusammenfassung: Krise, Lösung (klare Aufforderung), Klimax (Spannung), Katharsis (relativ neutraler Slogan als letzte Folie bevor es in die Diskussion geht). Der Ansatz funktioniert auch bei freier Rede oder in Artikeln. Auf die Zielgruppe einstellen: Männer werden durch Technik, Fußball und Frauen angesprochen, Frauen werden durch Tierbilder und Männer angesprochen. Die Bilder können durchaus Szenen zeigen, die nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben (eine Metapher herstellen). Ansprache: »Jeder hier« oder »Jeder von uns« statt »Jeder Internet-Nutzer«. In der Krise langsam sprechen, mehr Pausen einbauen. In Präsentationen nie Tabellen oder Diagramme mit mehreren Linien verwenden: Es kommt immer nur auf eine Zahl an.
Zaubersession
Till Haunschild zeigte einige Kartentricks und erklärte auch, wie sie funktionieren. Er baut immer 2 Höhepunkte ein: einen bei dem die Leute sagen »Ah, nett« und anschließend noch einen der sie wegfegt. Das funktioniere auch gut bei Präsentationen. Stichworte: »Bei Präsentationen geht oft der Bezug zur Realität verloren. Man braucht den Bezug zur Realität um das Besondere zu erkennen.«
User Experience Design
Elizabeth Whitworth hielt spontan eine Session, da in der Vorstellungsrunde nur sie etwas zu User Experience Design sagte (es gab auch einige Konzepter in der Vorstellungsrunde; hatte sie evtl nicht mitbekommen). Es war mehr eine Diskussion als ein Vortrag, in dem es um Unterschiede im Berufsbild zwischen den USA und Deutschland ging sowie eine Definition, was UX alles bedeutet bzw. beinhaltet. Es waren einige Konzepter anwesend aber auch Konzeptionslaien, die einige Fragen hatten. Stichworte: UX als Begriff für eine Sichtweise auf ein Produkt oder einen Service, UX als Begriff für einen Prozess und UX als Oberbegriff für verschiedene Disziplinen: Usability-Evaluation, Information Architecture, Interaction Design, Visual Design, Design Research, User Research, Design Strategy, Evangelism. In den USA sind die Kollegen oft nur für einen Teilbereich zuständig, z.B. nur IA, während in Deutschland viel in Personalunion gemacht wird. Diskussion über verschiedene Probleme (Anwendung sowohl für »normale« User als auch Power-User zugänglich machen: unterschiedliche Zugänge, progressive disclosure, Onion Skinning, Tutorials, Guided Tours. Diskussion über verschiedene Methoden: Modell von Kano bzw. Kano-Analyse, Personas, Use Cases.
Technologie in 10, 20, 30, 40 Jahren
Mir haben heute alle Sessions gefallen, aber den Vortrag von Constantin Gonzalez fand ich mit am interessantesten. Constantin ist Principal Field Technologist bei Sun und beschäftigt sich in seiner Freizeit u.a. mit Ausblicken auf die Zukunft. Stichworte: Moore’s Law besagt dass sich alle 18 Monate die Anzahl der Transistoren auf einem Chip verdoppelt. Law of accelerating returns: Moore’s Law ist auf jeden technologischen Fortschritt anwendbar. Falls die Strukturen auf Chips irgendwann nicht mehr kleiner gemacht werden können, kommt etwas anderes, vgl. die Entwicklung Mechanik, Elektromechanik, Röhren, Transistoren, Chips. Was kann man mit der Rechenpower machen? Mustererkennung: In der Disco das Handy in die Luft halten und eine Minute später kommt eine SMS mit dem Songtitel. Ein anderes Beispiel ist die Genius-Playlist: Der iPod errät ziemlich treffsicher, welche Musik wir gerne hören. »Als DJ würde ich mir jetzt Sorgen um meinen Job machen.« Empfehlung den Generationencheck zu machen: Seinen Eltern die Features des iPod erklären und in ungläubige Gesichter sehen – uns wird es in 20 Jahren auch so gehen. Bereits jetzt ist ein 1.000-Dollar-PC so leistungsfähig wie ein Insektengehirn. Er hat für 300 Euro einen Staubsauger-Roboter der so intelligent ist wie ein Insekt: Der Roboter fährt kreuz und quer durch den Raum, misst die längste Strecke die er ohne anzustoßen gefahren ist, berechnet wie lange es sinnvoll ist zu saugen und schaltet sich nach einer gewissen Zeit ab. In 20 Jahren werden Computer so leistungsfähig wie ein Menschengehirn sein und um 2050 herum wird ein 1.000-Dollar-PC so leistungsfähig sein wie alle Menschengehirne zusammen. Wenn wir mit einer neuen Technologie konfrontiert werden, überschätzt man kurzfristig ihre Auswirkungen, unterschätzt aber die langfristigen Folgen. Beispiel Internet: vor 10 Jahren dachten einige dass dadurch alle Probleme der Welt gelöst werden, was nicht eingetreten ist – trotzdem ist das Internet heute nicht mehr wegzudenken. Es gibt künftig 4 Schlüsseltechnologien: Biotechnologie, Künstliche Intelligenz, Robotik, Nanotechnologie. Biotechnologie: Gentherapie wird künftig ein großes Thema sein. Bereits vor 22 Jahren hat man die Gene von Tabakpflanzen mit denen von Glühwürmchen gekreuzt (»Praktisch, wenn man nachts auf einer Tabakplantage was rauchen will«). Heute kann man sich für 5.000 USD sein Genom entschlüsseln lassen. Künftig sagt einem der Arzt, dass man mit einer 93%igen Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt erleiden wird, aber mit diesen und jenen Enzymen als Nahrungsergänzung kann man das Risiko verringern etc. Künstliche Intelligenz und Robotik wie oben beschrieben. Nanotechnologie, und damit sind nicht Autolacke gemeint an denen Schmutz abperlt: Durch kleine Strukturen wird es möglich sein, gigantische Fabriken zu bauen die trotzdem kaum größer sind als heute eine Mikrowelle. Darin werden einzelne Atome zu immer größeren Elementen zusammengebaut. Frage aus dem Publikum: Kann das funktionieren, werden die Strukturen bei der Konstruktion nicht durch Reibung und Hitze zerstört? Antwort von Constantin: Es funktioniert bereits in der Natur, siehe das Kopieren von DNA-Strängen: Unter dem Rasterelektronen-Mikroskop sieht da aus wie ein Fließband in der Fabrik. Frage aus dem Publikum: Woher soll die Energie kommen? Antwort: Schau’ Dir Deine Muskeln an, die werden durch biologischen Treibstoff angetrieben. Künftig wird es Glas aus Diamant geben, weil man es einfach aus Kohlenstoffatomen zusammenbauen kann. Was ist, wenn man Nanozellen in den Körper einschleusen könnte um durch Krebs beschädigte Zellen wieder zu reparieren? Wir könnten den »Single-Point-of-Failure Herz« überflüssig machen indem sich das Blut selbst durch die Adern pumpt. In der Kombination dieser Schlüsseltechnologien ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Technologie könnte sich selbst weiterentwickeln. Wir werden die Antworten auf all diese Fragen noch zu unseren Lebzeiten erfahren, da die Computer dann nach Moore’s Law so leistungsfähig sein werden wie eingangs beschrieben. Constantin: »Technologische Singularität könnte bis 2050 eintreten.« Literaturempfehlungen: »The Singularity is near« von Ray Kurzweil und »Jame5« von Stefan Pemar. Diskussion: Wenn Mensch und Maschine verschmelzen, werden wir 2050 unser Bewusstsein ins Netz hochladen und uns unserer körperlichen Hülle entledigen? Werden wir wie Borg sein? Wollen wir das? Antwort von Constantin: Man wird es kaum verhindern können, es ist der nächste logische Schritt in der Evolution. Man sollte sich daher darauf vorbereiten und das Beste daraus machen. »Da wo die Gefahr ist, ist auch die Rettung.« Insgesamt ein sehr spannender Vortrag, in dem man mal einige Gedankenspiele über zukünftige Entwicklungen anstellen konnte. Nachtrag (13.10.08): Constantin hat eine Zusammenfassung inkl. Folien und Links zu Videos in seinem Blog gepostet.
Ende November ist ein BarCamp in Hamburg geplant. Da es mit dem Zug nur gut anderthalb Stunden von Berlin bis Hamburg sind, werde ich versuchen zu kommen. Wer Lust auf neue Leute und Blicke über den Tellerrand hinaus hat, sollte sich anmelden!
Erschienen am
Samstag, 11.10.2008 @ 23:27
Tags: barcamp, bcmuc08, IA, methoden, mindmeister, praesentation, ux, Web, zukunft

12.10.2008 @ 9:22 Link
Hi Stefan,
vielen Dank für deine perfekte Zusammenfassung meiner Session! Mir hat die Stunde richtig Spaß gemacht und es ist immer toll, wenn die ZuhörerInnen danach rausgehen und sich was praktisches mitnehmen konnten.
Da ich leider die Session mit Technologie in xJahren nicht mitgekriegt habe, find ich deine Summary dazu sehr hilfreich.
Alexandra
13.10.2008 @ 22:36 Link
Hallo Alexandra,
danke für die Blumen! Dass Dir die Session Spaß gemacht hat, hat man gemerkt – sehr sympathisch!
Constantin hat zu seiner Technologie-Session inzwischen auch selbst ein paar Worte geschrieben und die Folien online gestellt: blogs.sun.com/constantin/entry/barcamp_munich_2008_enterprise_2
Viele Grüße,
Stefan