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Artikel von Stefan Freimark
Oben ohne: Warum ich gegen das Tragen von Fahrradhelmen bin
Man sieht immer mehr Fahrradfahrer mit Helm durch die Stadt
fahren und von allen Seiten wird gepredigt, ohne Helm könne man
einen Unfall (wenn überhaupt) nur schwer verletzt überleben.
Von allen Seiten? Nein! Eine von unbeugsamen Radfahrern bevölkerte Newsgroup hört nicht auf, der Helmpropaganda
Widerstand zu leisten.
Worum geht's denn?
Wie schon in der Einleitung geschrieben, fahren immer mehr Radfahrer »oben mit« und sie scheinen sich in bester
Gesellschaft zu befinden, wenn Lokalzeitungen in ihren Unfallberichten schreiben »...trug keinen Helm«, die
Stiftung Warentest Helme empfiehlt, Sanitäter sich mehr über einen fehlenden Helm Gedanken machen als um den verletzten
Fuß, der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) in seiner »Checkliste Fahrradtour« einen Helm aufführt
und der frühere Bundesverkehrsminister Müntefering empfiehlt »Radelnde Kinder sollten sich bei jeder Fahrt
mit einem Helm schützen« (09.12.1998). Oder sich eine Unfallversicherung weigert, an einen unbehelmten Radfahrer
zu zahlen, der Kopfverletzungen erlitten hatte (Urteil dazu: Solange es nicht allgemein üblich ist, Helme zu tragen,
kann sich die Versicherung nicht weigern).
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»Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene sollten als
Vorbilder freiwillig Fahrradhelme tragen«
Bundesverkehrsminister Franz Müntefering, 9. Dezember 1998
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Scheint also nicht das Schlechteste zu sein, oder?
Das dachte ich mir im Sommer 1998 auch und habe mir einen Helm gekauft.
Jetzt trage ich aus Überzeugung keinen mehr, denn inzwischen habe
ich einige der berüchtigten »Helm-Threads« (Diskussionen)
in der Usenet Newsgroup de.rec.fahrrad (drf) gelesen.
Nachfolgend die Erkenntnisse, zu denen ich (und andere vor mir) gelangt bin.
Ich kann doch machen was ich will, der Allgemeinheit schadet's
nicht!
Der übliche Weg zur Helmpflicht war der, dass man durch Maßnahmen, wie wir sie gerade erleben (»Helmpropaganda«),
eine relativ große Basis von Freiwilligen geschaffen wurde. Als genügend Leute mit Helm gefahren sind, kam die
Helmpflicht. Das war meines Wissens in Spanien so, in Neuseeland und in Australien. Das wird in der Schweiz in dieser Art
ablaufen (Christoph Kaufmann, Hardshell) ebenso in Schweden (Stephan Wellstein in drf).
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»Egal ob es zwischenzeitlich weniger oder mehr (kopf)verletzte
Radler geben wird, die Forderung nach einer Helmpflicht wird auf
jeden Fall aus der Statistik abgeleitet werden. Im ersten Teil
wird der wachsende Anteil der helmtragenden Radler als Beweis
für eine Hebung der Verkehrssicherheit herhalten müssen,
im zweiten Fall wird es heißen, dass es ja offensichtlich
nicht ausreiche, lediglich zu empfehlen.«
BoEn Lo, Hardshell: Radlerhelme: Im Ausland schon wieder out
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Das freiwillige Tragen eines Radhelms begünstigt also die Einführung
einer späteren Helmpflicht.
In diesen Ländern hat man nach der Einführung der Tragepflicht
folgende Erfahrungen gemacht:
In den australischen Bundesstaaten Victoria und New South Wales hat
man Zählungen vor und nach Einführung der Helmpflicht durchgeführt,
an den selben Orten, gleichen Zählperioden, gleicher Jahreszeit
und (wenn möglich) durch die gleichen Beobachter. In New South
Wales (NSW) wurden nur Kinder in den Zählungen berücksichtigt,
bei beiden Beobachtungen herrschten ideale Wetterbedingungen.
In ländlichen Gebieten von NSW stieg zwar die Zahl der Helmträger
unter den Radfahrern, aber die Gesamtzahl der Fahrradfahrer ging im
ersten Jahr nach der Einführung um 35% zurück (im Stadtgebiet
von Sydney um 37%). Im zweiten Jahr der Helmpflicht (1993) wurden noch
weniger Radfahrer gezählt. [Gesamtzahl radfahrender Kinder vor
der Pflicht: 6.072, davon 1.910 mit Helm. Erstes Jahr der Pflicht: Gesamtzahl
3.857, davon 2.929 mit Helm. Zweites Jahr der Pflicht: 3.414 radfahrende
Kinder, 2.479 mit Helm.]
In Victoria wurden Erwachsene und Kinder gezählt, an gleichen Orten
und zu gleichen Zeiten; 82% der Zählorte hatten gleiche Wetterbedingungen.
Es wurde ein Rückgang der Radfahrer von 36% festgestellt (an Orten,
an denen 1990 und 1991 zur Zählzeit schönes Wetter war, betrug
der Rückgang nur 24%).
Weiterhin bestätigen Meinungsumfragen, dass eine Helmpflicht vom
Radfahren abhält (der Zwang zum Helm war bei 33,9% von 1.210 Schülern
der häufigste Grund, nicht mit dem Rad zu fahren, bei einer Straßenumfrage
im Nothern Territory mit über 800 Menschen gaben 20% an, wegen
der Radhelmpflicht hätten sie das Radfahren ganz aufgegeben und
insgesamt 42% hatten die Häufigkeit des Radfahrens reduziert. Weitere
Umfrage-Ergebnisse sind auf dieser Seite zu finden (von dort stammen
auch die Zahlen aus NSW und Victoria): ADFC Baden-Württemberg,
Radhelmpflichten -- Fakten, Zahlen und Konsequenzen.
Auf dieser Seite ist auch eine sehr interessante Grafik zu Krankenhauseinlieferungen
wegen Kopf- und anderen Verletzungen bei Radfahrern (aus Victoria):
Die Anzahl der Einlieferungen, die nicht wegen einer
Kopfverletzung ins Krankenhaus kamen, übertraf die Anzahl der Kopfverletzungen
um etwa das doppelte, sowohl vor als auch nach der Einführung der
Helmpflicht. Trotz der höheren Hemltragequote (75% statt 31%) ging
die Anzahl der Kopfverletzung nicht in gleichem Maße
zurück. Aus NSW kommen ähnliche Zahlen.
Fazit: Eine Helmpflicht führt nicht zu einer derart geringeren Zahl der Kopfverletzungen, wie man das eigentlich von
der hohen Tragequote erwarten könnte. Dafür sinkt die Zahl der Radfahrer insgesamt um rund ein Drittel, was beträchtliche
Auswirkungen auf die Kosten des Gesundheitswesens haben dürfte (mehr Herz-/Kreislauferkrankungen), da ein Drittel der
Bevölkerung die an sich sehr gesunde Sportart Radfahren nicht mehr ausübt.
Und wie gesund und wie gefährlich ist nun Radfahren?
Es lohnt sich, Rad zu fahren. Das muss man in dieser Zeit ausdrücklich
sagen, die meisten Leute scheinen zu glauben, Radfahren sei gefährlich
(warum sonst der Helm?).
Laut der Website der AOK-Bayern erhält man »positive Effekte
auf den gesamten Organismus« bereits bei einer Trainigsdauer von
insgesamt sechzig Minuten pro Woche. Radfahren fördert eine bessere
Durchblutung der Muskulatur (vor allem die der Beine), die Ausdauer
erhöht sich, das Herz wird trainiert (mit weniger Schlägen
kann mehr Blut durch den Körper gepumpt werden als bei einem Untrainierten),
die Atmung vertieft sich, die Lunge wird gut durchblutet, der Stoffwechsel
wird verbessert (der Cholesterinspiegel sinkt, Vorbeugung vor Herzinfarkt).
Weiterhin wird das Immunsystem gestärkt und die Stresstoleranz
wird erhöht (Ausdauersportler sind psychisch und physisch belastbarer
als Untrainierte). Leider lässt es sich die AOK nicht nehmen, zwei
Absätze weiter unten auf den Radhelm hinzuweisen.
Radfahren ist nicht gefährlich. In der Newsgroup de.rec.fahrrad
wird gegenüber Helmbefürwortern (selten, dass jemand pro Helm
eingestellt ist und mit dieser Einstellung drf wieder verlässt)
gerne das Argument angeführt, wer Helme für Radfahrer will,
muss auch Helme für Autofahrer, Fussgänger und Treppensteiger
wollen, denn bei all diesen Tätigkeiten besteht ein mindestens
ebenso hohes Risiko einer Kopfverletzung wie beim Fahrradfahren. Aus
einem Antrag der Bundeshauptversammlung des ADFC:
Todesfälle pro eine Million Stunden Verkehrsteilnahme in Australien:
0,41 (Fahrrad); 0,46 (Auto); 0,80 (Fussgänger); 7,66 (Motorrad).
Todesfälle nur durch Kopfverletzungen: 0,19; 0,17; 0,34; 2,9.
Man könnte also genausogut Fußgänger-Helme fordern.
Aber ich selbst lege Wert auf meine Gesundheit beim Radfahren,
deswegen trage ich einen Helm.
Ein Helm nützt nichts, weil er nicht nützen kann. Laut diverser
Spezifikationen (SNELL, EN, ANSI, DIN) muss ein Helm verschiedene Tests
bestehen (Beispiel SNELL): Ein behelmter »Prüfkopf«
von circa fünf Kilogramm wird aus unterschiedlichen Höhen
auf drei Oberflächen fallengelassen. Die höchste Energie im
SNELL-Versuch (beim flachen Amboss) beträgt 110 Joule, die Fallhöhe
2,2 Meter. Das macht eine Geschwindigkeit von etwas mehr als 20 km/h.
Die anderen beiden Falltests (Halbkugelamboss und Dach-Amboss) finden
aus noch geringerer Höhe statt (ca. 1,3 Meter und 72 Joule Energie,
gibt rund 17 km/h). Um das mal auf das richtige Leben zu übertragen:
Ein Helm schützt, wenn ein Mensch aus dem Stand wie ein nasser
Sack umfällt und mit dem Kopf aufschlägt. Vor mehr nicht.
Es macht damit keinen Unterschied, ob man bei einem Unfall mit einem
Radhelm unterwegs ist oder sich ein zusammengefaltetes Taschentuch um
den Kopf gebunden hat, der Effekt ist der gleiche, entweder der Radfahrer
stirbt so oder so, oder er überlebt so oder so.
Die Versuchsanordnungen der anderen Normen sind nicht anspruchsvoller
als die SNELL, und keiner dieser Standards berücksichtigt, dass
im richtigen Leben nicht nur Fünf-Kilo-Köpfe durch die Landschaft
radlen, sondern auch noch 70-Kilo-Körper drunterhängen, die
im Falle eines Falles mitfliegen und die kaum vorhandene Schutzwirkung
von Helmen noch blasser aussehen lassen.
Noch einige Bemerkung zum richtigen Leben: Schon mal wie ein nasser
Sack umgefallen, direkt auf den Kopf? Schon mal aus dem Stand vom Fahrrad
gefallen und mit dem Kopf auf den Bordstein aufgeschlagen, aus maximal
1,3 Metern Fallhöhe? Na also.
Statistiken aus Krankenhäusern sagen aber, dass der Helm
was nützt.
Nehmen wir eine Statistik her auf die sich gern berufen wird, die Kelsch/Helber/Ulrich-Studie. Diese »Studie«
aus dem Jahr 1996 sagt aus: »Ein Helm kann das Entstehen und die Schwere eines Schädelhirntraumas deutlich verringern.«
Das ist die Aussage, die Wolfgang Strobl (Regular in drf) in der Wochenbeilage seiner Tageszeitung gefunden hat. Daraufhin
hat er sich die Studie beschafft und nachgelesen, was nirgendwo sonst geschrieben steht: Die Studie basiert auf »Untersuchungen
von 76 Fahrradfahrern, die im Kalenderjahr 1994 verunglückten und in der Unfallchirurgischen Klinik am Eichert in Göppingen
stationär behandelt worden waren.« In Worten: sechsundsiebzig. Die Verfasser schließen: »Alle Patienten,
die einen Schutzhelm trugen, überlebten, dagegen starben zwei Personen (3%), die keinen Schutzhelm trugen, an ihren
Verletzungen. Demnach kann der Schutzhelm die Inzidenz und die Schwere eines SHT deutlich verringern.« Von 76 Patienten
(davon 13 mit Helm) haben 74 überlebt (nochmal: davon 13 mit Helm, 61 ohne Helm) und die zwei die Pech hatten, hatten
zufällig keinen Helm. Wolfgang Strobl kommt bei dieser Statistik zu dem Schluss: »Helmträger erleiden so
selten tödliche Kopfverletzungen, weil sowohl tödliche Kopfverletzungen als auch Helmträger eine eher seltene
Ausnahme sind.«
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»Die 'Studien der Unfallforschung', auf die der Artikel
so windig bezug nimmt, dürften der langen Reihe entnommen
sein, die ihre Wurzel in der berühmten Thompson/Rivara-Studie
haben, mit deren hanebüchener Methodik man auch einen Rückgang
der Arm- und Beinverletzungen um 76% durch den Helm ermitteln
kann.«
Rainer H. Rauschenberg in einem Leserbrief an die Frankfurter Rundschau, 27.03.1999
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Es gibt auch Statistiken, die mehr als 76 Radfahrer zur Basis haben.
Die (damals, 1992) bekannten Helmbefürworter Paul A. Scuffham und
John D. Langley wollten eigentlich den Nutzen von Helmen beweisen und
haben sich gedacht: Ein Radhelm soll nur den Kopf vor Verletzungen schützen;
wenn mehr Radfahrer Helme tragen, dann müsste auch der Anteil der
Kopfverletzungen an allen Verletzungen zurückgehen. Also haben
die beiden die archivierten Entlassungsdiagnosen aller neuseeländischen
Krankenhäuser untersucht. Ein Vergleich mit der jeweils aktuellen
Helmtragequote in Neuseeland würde dann den unwiderlegbaren Beweis
bringen. Die Autoren wählten als Untersuchungszeitraum die Jahre
1980 bis 1992. Erst ab 1986 wurden zunehmend Fahrradhelme getragen,
im Jahr 1992 betrug die Helmtragequote bei Kindern im Grundschulalter
84%, bei Jugendlichen 62% und bei Erwachsenen 39%. Eine Helmpflicht
wurde erst 1994 eingeführt.
Das Ergebnis der Untersuchung: Seit 1986 ging der Anteil der Kopfverletzungen
langsam zurück, also in einer Zeit, in der fast niemand einen Radhelm
trug. Der Anteil ging außerdem nicht nur bei den Radfahrern zurück,
sondern ebenso bei allen anderen stationären Patienten in neuseeländischen
Krankenhäusern. Eine genauere Analyse der Daten von September 1989
bis September 1992 (in diesem Zeitram stieg die Helmtragequote am stärksten
an) bestätigte die Vermutungen: Das Tragen von Radhelmen hat keinen
Einfluss auf den Anteil der Kopfverletzungen, der Rückgang der
Kopfverletzungen musste also woanders zu finden sein (beispielsweise
allgemeine Fortschritte in der ambulanten Behandlung).
Die ganze Story steht bei Ingo Keck (Link dorthin am Schluss dieses Dokuments). Der Artikel von Ingo klärt auch über
die Schwächen der Thompson/Rivara/Thompson-Studien auf.
Wenn's auch wenig bringt, schaden kann's doch nicht.
Es kann schaden, Stichworte sind hier: Risikokompensation, Rotationsbeschleunigung und die höhere Treffwahrscheinlichkeit.
Bei Kindern kommt hinzu, dass durch den Helm das Trainieren von Ausweich-Reflexen beeinträchtigt wird.
Zu diesen Begriffen kann ich derzeit keine Argumente liefern, weswegen ich hier auch nicht in Mutmaßungen verfallen
möchte. Sachdienliche Hinweise sind erwünscht, wer Ergänzungen oder Berichtigungen hat (das gilt für
den gesamten Artikel) kann mich gerne anschreiben. Falls Du Deine Anmerkung der Welt kundtun möchtest, dann schreibe
das bitte ausdrücklich in Deine Mail, ich werde ohne Einwilligung des Autors keine persönlichen Mails veröffentlichen.
Duschen mit Helm -- jetzt.
Stefan Freimark, stefan@freimark.de
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Links zu anderen Seiten im Web
Hardshell -- Das Fahrradhelm-Magazin
http://hardshell.home.pages.de oder
http://ourworld.compuserve.com/homepages/BoEn_Lo/
Die zehn Gebote des sicheren Radfahrens (von Bernd
Sluka)
http://www.phiger.com/bernd/Radfahren/10Gebote.html
FAQ für de.rec.fahrrad
http://wsv.gmd.de/drf/faq/
Ingo Keck: Radhelme wirkungslos? Studie aus Neuseeland
http://www.ingokeck.de/publikationen/radhelm/rhwirkungslos/
Rainer H. Rauschenberg: Helm auf zum Radfahren?
http://www.wiwi.uni-frankfurt.de/~rainerh/radhelm1.html
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