-- Dienstag, 9. November 1999 --
Anti-faschistischer Schutzwall (I)
Heute vor zehn Jahren fiel der Eiserne Vorhang und der Jahrzehnte dauernde
Kalte Krieg war vorbei, als die Mauer in Berlin fiel.
Am neunten November 1989 öffnete gegen 23 Uhr der Stasi-Oberstleutnant
Harald Jäger an der Bornholmer Brücke den Schlagbaum.
Am zweiten Oktober 1990 um 23:59 Uhr schlug die letzte Stunde der Deutschen
Demokratischen Republik; am dritten Oktober um Mitternacht trat die DDR
der Bundesrepublik Deutschland bei.
Anti-faschistischer Schutzwall (II)
Heute hat sich die Gelegenheit ergeben, bei der
Talkshow von Hans Meiser ein paar Minuten reinzusehen. Thema war: »Wessis
rechnen ab: Ihr Ossis taugt doch nichts!« Da trat eine circa 60-jährige
Frau aus Rosenheim auf den Plan, deren Äußerungen ich in der Nachtwiederholung
aufgenommen habe, um sie für den heutigen Tagebucheintrag aufzuschreiben.
| Meiser: | Ach, Erika... |
| Erika: | Ja, grüß Gott. |
| Meiser: | Würden Sie gerne in Ostdeutschland leben? |
| Erika: | Nein. |
| Meiser: | Warum nicht? |
| Erika: | Nein. |
| Meiser: | Warum nicht? |
| Erika: | Wir haben schon zu viel bezahlt
für Ostdeutschland, also jetzt sollten wir an uns auch mal denken. Also von meiner Seite, also ich spreche nur von meiner Meinung, ich geb nur meine Meinung, sollte man die Mauer wieder hochbauen, dass die für sich bauen und wir für uns. |
| Meiser: | Also warum denn, wir bauen ja in Europa überall die Grenzschlagbäume ab, und warum nicht diese Mauer, denn deutsch ist deutsch... |
| Erika: | Nein wissen Sie, die können das Arbeiten nicht, die lernen erst Arbeiten. Die ham früher... |
| Publikum: | Puh! |
| Erika: | Na, da kannst ruhig 'puh!' schreien, das macht mir nix. |
| Meiser: | Die Puhdys haben wir bei uns auch noch zu Gast wollt' ich kurz sagen. Kennen Sie die eigentlich? |
| Erika: | Äh, ja... |
| Meiser | Wie finden Sie die? |
| Erika: | Pff, jah... |
| Meiser: | Die arbeiten, die finden Sie ganz in Ordnung. |
| Erika: | Ja, die sollen arbeiten. Aber wissen Sie, die drübern ham, also ich sag' jetzt 'Ossis' a mal, weil wir leben ja im Westen, und die ham früher 30 Mark für a Wohnung bezahlt, hier woll'n se gleich gar nix zahlen, hier woll'n se alles umsonst haben; und wir sollen nur zahlen; unsere Eltern haben auch früher Steine geklopft und ham alles aufgebaut und dene Leute sollen wir heute alles in Mund nei schieben und das geht net. Die Leute sollen arbeiten. Und so wie wir des auch machen. |
| Meiser: | Also Erika, es laufen ja im Augenblick ganz viele Dokumentation im Fernsehen, auch in den anderen Programmen, nicht nur bei RTL... |
| Erika: | Ganz richtig, ja. |
| Meiser: | ...auch in den Zeitungen und überall lese ich, dass zum Beispiel die Leute in, in Ostdeutschland, äh weitaus mehr nach dem Zusammenbruch gearbeitet haben um ihre Häuser wieder aufzubauen als die in Westdeutschland, denn in Ostdeutschland gab's keinen Marshall-Plan den's in Westdeutschland gab. |
| Erika: | Na, das is nicht ganz wahr. |
| Meiser: | Nee? |
| Erika: | Nein, das ist nicht ganz richtig. |
| Meiser: | Woher wissen Sie das? |
| Erika: | Des weiß ich von Bekannte. |
| Meiser: | Aha. |
| Erika: | Nein, das ist nicht richtig. Die sagen, die fahr'n heute mit am Mercedes rum, wo wir selber als Wessi des aber nicht können. Die... |
| Mann: | Überhaupt nicht wahr! |
| Erika: | Nee, ha ha, und ob des wahr is! |
| Meiser: | Was ist los? (Geht zum Mann im Publikum und reicht ihm ein Mikrofon) Lass' mal, ich halt schon fest. |
| Erika: | Und ob des wahr is! |
| Mann: | Junge Frau, eine Frage, äh... |
| Erika: | Bitte. |
| Mann: | Was denken Sie, was ich den ganzen Tag mache. Lieg' ich im Bett? Ich bin 'n Ossi. Ich geh' auch arbeiten, verdiene mein Geld selber. |
| Erika: | Mei, da haste aber a Glück daste a Arbeit hast, weil wir Wessis kriegen keine Arbeit. |
| Mann: | Ach Sie tun mir leid, Sie sehen aber nicht so aus, als ob Sie keine Arbeit hätten. Und von Sozialhilfe leben würden... |
| Erika: | In jedem zweiten Kaufhaus san hier Ossis am arbeiten und wir werden dumm angeredet noch, im Kaufhaus, von Euch. |
| Mann: | Wissen Sie wo die Arbeitslosenquoten sind? Im Osten. 25 Prozent... |
| Erika: | Ja, mhmm... |
| Mann: | ...in Sachsen, nich' in Bayern. |
| Erika: | Was habtsn Ihr früher gemacht, Ihr habts ja net a mal an Nagel gehabt, Ihr habts acht Stunden... |
| Mann: | Da bin ich zur Schule gegangen. |
| Erika: | Doch, des derfst Du aber net glauben. |
| Mann: | Wo bin ich dann hingegangen? |
| Erika: | ...Ihr habts acht Stunden habts Ihr gewartet, dass Ihr mal an Nagel kriegts. |
| Meiser: | Ja das kann man den Menschen nich', Erika, zum Vorwurf machen, wenn nicht genug Material da war. |
| Erika: | Ja dann aber dem Honecker, der hat doch alles geschifft, der hat doch alles gehabt! |
| Mann: | Ja was können wir für den Honecker? |
| Erika: | Ah nee... |
| Publikum: | (applaudiert) |
| Erika: | (versucht über den Applaus hinweg zu sprechen) Ach nee, und was habt Ihr, und was habt's Ihr... |
| Erika: | (Applaus hat abgenommen) Und was habt Ihr gemacht? |
| Meiser: | Lass' mal hier kurz die nächste Frage (Meiser reicht einer Frau aus dem Publikum das Mikrofon) |
| Frau: | Darf ich mal kurz fragen... |
| Erika: | Bitte. |
| Frau: | ...warum wir dann im Westen Lehrstellen kriegen? |
| Mann: | Ja, genau. |
| Erika: | Ja freilich, ja eben... |
| Frau: | Wir aus'm Osten, warum wir dann noch Lehrstellen kriegen. |
| Erika: | ...weil Ihr ja bevorzugts werd! |
| Frau: | Das ist überhaupt nicht wahr! |
| Erika: | Erst hat sich der eine die goldene Nase gemacht, jetzt macht sich der zweite die goldene Nase, und wir Steuerzahler san die Deppn! So schaugts aus! |
| Mann: | Bei uns in der Firma sind sechzehn Auszubildende. Vier ausm Osten, der Rest ausm Westen. Ich glaub', wir werden nicht vevorzugt... |
| Erika: | (ungläubig) Nö, überhaupt net. Überhaupt net. |
| Meiser: | Ja, aber das Verhältnis, sagt denn das Verhältnis nicht klar aus wie's is? Sechzehn Auszubildende, zwölf aus dem Westen, vier aus dem Osten, wo ist da die Bevorzugung der Ossis? |
| Erika: | Die werdn alle bevorzugt, in jeder Hinsicht. Gegangs mal aufs Sozialamt hin wie die da stehn und die Hand aufhalten; die wolln ja gar net arbeitn hier, die wollns ja net amol. |
| Meiser: | Lassen wir jetzt mal das Arbeiten, das können wir jetzt im Augenblick nicht... |
| Erika: | Ja, gut... |
| Meiser: | ...was können denn die Wessis besser als die Ossis oder was können die Ossis besser als die Wessis? |
| Erika: | (schüttelt den Kopf) Der Ossi kann überhaupt nix. |
| Publikum: | Buhh! |
| Erika: | Fragen Se doch mal eine von dene Damen, ob die mit am Mikormeter oder mit der Schieblehre umgehen kann, oder schweißen kann oder sowas... |
| Meiser: | Ja Augenblick mal, Augenblick mal, Augenblick mal, Augenblick mal, also Augenblick mal, ich mein', man kann ja einem nicht zum Vorwurf machen, wenn er etwas nicht beherrscht, was er vorher nie in der Hand haben konnte. Das kann ich ihm ja nicht zum Vorwurf machen. |
| Erika: | Aber hier wolln ses haben und hier wolln se alles haben von uns... |
| Meiser: | Ja sie wolln aber auch lernen. |
| Erika: | ...von uns wolln se doch alles... Lernen? Na, die wolln net lernen. Na, wirklich net. Na. |
| Meiser: | Würden Sie sich neben... |
| Erika: | Wissen Sie ne Freundin von mir, Herr Meiser, die is eingekastlt worden in der Ostzone drüben, die hat an Autounfall gehabt, und was ham se gemacht, die ham se bei Wasser und Brot in Kerker gesteckt, eine Woche lang, und wie sie nach Stuttgart wieder kam, da is se züchtig krank gewesen. Das ist der Ossi. |
| Meiser: | Wie ist das denn... (Publikum raunt) ...wie ist das denn mit der Kriminalität? |
| Erika: | Oh, die ist ja seit dem die auf ist, is ja die Kriminalität noch schlimmer hier, wie's vorher scho war. |
| Meiser: | Also alle Ossis klauen. |
| Erika: | Von Rauschgift angefangen. Schaun Se doch die Ping-Pongs an, wie se rumlaufen alle. Schaun Se se doch an, der Ossis, mit ihrer roten, grünen, gelben Haare. |
| Meiser: | Ja da kenn ich aber ne ganze Menge Wessis die so rumlaufen. |
| Erika: | Ja, ich weniger. |
| Meiser: | Die haben wir auch schon hier in der Sendung gehabt. |
| Erika: | Joh... |
| Meiser: | Erika, würden Sie sich neben einen Ossi setzen, freiwillig, in der Straßenbahn? |
| Erika: | Pff... |
| Meiser: | Passen Sie mal auf, wir beantworten die Frage, wir setzen ihn einfach neben Sie, hier ist Thomas Schneider aus Düsseldorf, herzlich willkommen. |
| Publikum: | (applaudiert) |
| Meiser: | (deutet auf die beiden Stühle) Wir haben schon die Grenze eingehalten ohne eine Mauer aufbauen zu wollen, Sie kommen ehemals aus Dresden... |
| [...] |
Ja, bedarf eigentlich keines weiteren Kommentars. »Erika« hat zwar ihre Meinung (Meinungen sind ja der Inhalt von my two cents), aber gegen solche festgefahren, pauschalisierenden Vorurteile anzukämpfen, macht sicher keinen Spaß.