-- Donnerstag, 11. November 1999 --
Flambierte Logos und Zappel-GIFs waren erst
der Anfang
Spiegel
online berichtet in seiner Rubrik »Netzwelt« unter der Überschrift
»Das Banner ist tot, es lebe das Banner« über neue Formen
der Online-Werbung. Grauenhafte neue Werbewelt...
99,5 Prozent aller Banner werden nicht angeklickt und man sieht sich nun nach
neuen Methoden um, den Web-Surfer zu belästigen. Penetrant muss es sein,
sonst schaut keiner mehr hin. Ein paar Beispiele:
»Eine Form der neuen Werbung sind die HotMedia-Banner
von IBM. Internet-Anzeigen beginnen auf einmal, unter dem Cursor wie eine
Wasseroberfläche zu verschwimmen [...] Sie sind in Java geschrieben.«
In Java. Da freue ich mich auf die Gedenkminute, wenn sich der Netscape Navigator
bequemt, die JVM (Java Virtual Machine) zu starten (vielleicht bekommen sie
das ja in Version 5 in den Griff). Und was ist, wenn ich Java deaktiviert
habe?!
»Eine weitere Erfindung, die den Surfer
zum Hinschauen bewegen soll, ist der CometZone-Cursor. Kommt ein Internetnutzer
auf eine Webseite, die diese Technologie unterstützt, dann nimmt sein
Mauszeiger eine neue gestalt an.«
Grandios. Wenn sich mein Cursor verändert, dann hat das normalerweise
einen Sinn (»PC ist beschäftigt aber noch aufnahmebereit«
bei der Sanduhr, »Web-Seite kann im Offline-Modus nicht geladen werden«
beim Verbotsschild des Internet Explorer oder die klassische Hand, die mir
sagt »Wenn Du hier klickst, dann passiert was« ). Eine Bierflasche
und dann vielleicht noch der Satz »Die nächste Seite wird Ihnen
präsentiert von Krombacher« kann ich wirklich nicht gebrauchen.
»Der vorläufige Höhepunkt im
Kampf gegen Banner-Langeweile sind die von Unicast entwickelten 'Superstitials'
-- Fenster, die sich unerwartet öffnen, wenn man eine webseite verlässt.
Anders als traditionelle Pop-Up-Fenster ('Interstitials') öffnen sich
die 'Superstitials' erst, wenn sie vollständig heruntergeladen sind.
Dann spielen sie einen nahezu perfekten, fernsehähnlichen Werbespot.«
Na herzlichen Dank auch. Die gewöhnlichen aufpoppenden Fenster sind ja
schon die Pest des Web. Und jetzt noch mehr Bandbreite verschenken, für
Werbefilmchen?!?!
Wenigstens versäumt es der Spiegel-Redakteur nicht, auch etwas kritische Töne anklingen zu lassen: »Doch was die einen Unterhaltung nennen, empfinden die anderen als lästiges Hindernis beim Surfen.«
Welcome to the real world
Der Spiegel (mal wieder, ich weiß) schreibt
in der Kultur-Rubrik (»Klassenfahrt zur Freiheitsstatue«),
Christoph Schlingensief (der wohl am besten als »Aktionskünstler«
beschrieben werden kann) habe im Atlantik vor New York »Deutschland
versenkt«, indem er eine Urne und einen Koffer mit 99 Fundstücken
von seiner Deutschlandreise ins Meer warf um Deutschland »offiziell
dem Globalismus« zu übergeben.
Das an sich ist ja nicht besonders tragisch und eigentlich auch keine Erwähnung
wert, solche Aktionen kennt man ja von ihm.
Einen Schmunzler wert war die folgende Äußerung Schlingensiefs:
»Wir befinden uns in der Matrix, an der Matrix teilzunehmen ist okay,
aber das Denken ist woanders. Das war's -- jetzt geht's los.«
In der Matrix befanden sich Laurence Fishburne (Morpheus), Keanu Reeves (Neo)
und Carrie-Anne Moss (Trinity) im Film »The Matrix« (genialer
Streifen übrigens).
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